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Gedankenexperiment

Sie kennen die Redensart „Man muss im Fluss sein / bleiben“. Doch was heißt das eigentlich?
Als ich vor einigen Tagen einen Brief schrieb, benutzte ich eben diese Redensart, weil es mir tatsächlich um das „Hineingehen in einen Fluss“ ging, und kam so ins philosophieren und für mich zu einer Erkenntnis, die ich mit Ihnen teilen möchte.

Die Redensart „… im Fluss sein …„ beschreibt einen Zustand, der als erstrebenswert angesehen wird: Man ist im Flow, alles fließt, man ist in Bewegung, entwickelt oder verändert sich / etwas, eine Stagnation ist beendet … Es beschreibt eine immer wieder angestrebte Perfektion des Lebens.

Und hier kommt für mich die Frage: Ist das wirklich so?

Nichts gegen das tatsächliche Empfinden, das es mir gut geht, dass alles läuft oder fließt, dass es gerade so wie es ist, in Ordnung ist. Auch ich liebe diese Zeiten und diese Zustände sehr.

Aber ich empfinde es auch ein bisschen anders: Wie wäre es, wenn ich nicht der Aufforderung folge, „im Fluss zu sein“, sondern wenn ich mich selbst als der Fluss wahrnehme? Wenn ich der Fluss bin? Wenn ich also aktiv gestalte? Wenn ich festlege, wie mein Fluss ist, wie schnell er fließt, in welche Richtung, durch welche Landschaften, mit welchen Begleitern.? Ich bin nicht in einem Zustand, sondern der Gestalter dessen.

Ich stelle mir vor, ich und meinem Leben, bin mein Fluss. Und wenn ich in mich hineinspüre, empfinde ich seine Fließgeschwindigkeit, seine Ausbreitung oder Begrenzung, seine Beschaffenheit, seine derzeitige Landschaft und seine Umwelt.

Die Quelle ist schon einige viele Kilometer zurück und auf dem Weg bis heute, habe ich als Fluss schon viele Geschichten erlebt und Gesichter gehabt. Da gab es sanftes Dahingleiten, schmale enge Rinnen, Stromschnellen und Wasserfälle, dunkle schattige Abschnitte, Gumpen, Versickerungen und weite weiche Flussbetten durch herrliche Wiesenlandschaften. Vieles war schon da, manches auch mehrmals. Eines ist immer da gewesen, wenn ich es heute rückwirkend betrachte: Ich war immer in Bewegung. Ich war immer am fließen, auch wenn es nur minimalistisch war. Manchmal sogar unterirdisch, um dann wieder freudig hervorzubrechen. Oft hat mein Lied des Flusses fröhlich gesprudelt und laut tosend übermütig um sich gespritzt. Ein andermal wieder still tröpfelnd und glucksend sein Dasein bescheinigend. Da gab es ziemlich ausgetrocknete oder morastische Abschnitte und die, wo mein Fluss voll war oder sogar übergelaufen ist. Auf meinem Weg war mein Wasser manchmal warm, manchmal eiskalt oder gefroren. Ich trug braune Schaumkronen, die gar nicht hübsch waren und auch nicht gut taten. Manchmal war ich geheimnisvoll dunkel und still und andere Male glasklar und durchscheinend. Von meinen dreckigen und undurchsichtigen Bereichen erzähle ich lieber nicht.

Dann gab es wieder Bereiche, wo ich voll war mit anderen Lebewesen, in, neben oder über mir. Und andere wo ich so kalt und giftig war, das ich alle weggeschickt habe. Und wenn ich einmal müde war, habe ich mir eine Insel oder einen Sandstrand erschaffen und mich ausgeruht.

Auch heute kann ich diese Metapher für mein Leben nutzen. Indem ich mir bildlich vorstelle, wie mein derzeitiger Fluss ausschaut, kann ich daran weiter wirken. Stimmt die Richtung noch? Ist das Tempo in Ordnung? Gefallen mir die Landschaft und mein Kleid, welches ich trage? Sind meine Mit-Lebewesen gut für mich? Und wie kann ich meinen Fluss verändern, wenn ich damit nicht zufrieden bin? Oder wenn mir etwas nicht (mehr) gut tut? Was brauche ich?

Heute gestatte und begrüße ich es, in meinem Sinne zu fließen, Mal langsam, mal schnell, mal tief unten, mal oben. Mal bin ich ein Rinnsal, ein anderes Mal ein gurgelnder, reißender Gebirgsbach. Mal träge, stehend, dann wieder springend und sausend. - Wohlwissend, welche Richtung ich nehme und möchte. Doch niemals wissend, wann es zu Ende ist. Also bleibe ich in meinem Fluss – aktiv, lebendig und neugierig. Wissend, dass es viele weitere Flüsse um mich herum gibt.

Möchten Sie Ihr Flussbild mit mir teilen? Es würde mich sehr freuen. Schreiben Sie mich persönlich an oder stellen Sie einen Post auf meine Facebook-Seite: Kathrin Stavenhagen - Entfaltung.

Ich grüße Sie herzlich – Ihre Kathrin Stavenhagen